„Perspektiven der deutsch-russischen Wissenschaftskooperation“
Koordinatoren
Prof. Dr. Wilfried Bergmann, Stellv. Generalsekretär DAAD
Prof. Dr. Ludmilla Werbizkaja, Rektorin, Staatliche Universität St. Petersburg
Die zahlreichen Aktivitäten, die im Bereich der Arbeitsgruppe seit dem Petersburger Dialog 2003 durchgeführt wurden, zeigt das große Interesse in beiden Staaten an der Ausweitung dieser Zusammenarbeit und unterstreicht die strategische Bedeutung und hohe Priorität für die deutsch-russischen Beziehungen. Die folgende Auswahl herausragender Projekte kann deshalb nur exemplarisch für die vielfältige Aktivitäten im Bereich der Arbeitsgruppe sein.
1. Jugendaustausch
1.1. Der insbesondere von der Kultusministerkonferenz der deutschen Bundesländer und den Sprachlehrerverbänden beider Staaten getragene Austausch der Schüler entwickelte sich weiter positiv. Besonders hervorzuheben ist, dass die in der Empfehlung des Petersburger Dialoges 2003 enthaltene Bitte, weitere direkte Kontakte zwischen den Schulen und den Lehrern zu fördern, durch eine vom Deutsch-Russischen Forum durchgeführte „Kontaktbörse Schulpartnerschaften“ einen neuen Impuls bekam. Derzeit liegen mehr als 120 Schulen Partnerschaftswünsche vor, wobei während der Kontaktbörse zehn entsprechende Partnerschaften konkret vermittelt werden konnten. Es bedarf keiner besonderen Betonung, dass die Schulpartnerschaften tragendes Element der Nachwuchsförderung sind.
1.2. Auf Anregung des Deutsch-Russischen Jugendforums, das im Mai 2002 statt fand, gelang es, die Verantwortlichen für die Herausgabe einer ersten gemeinsam in beiden Staaten gültigen Briefmarke in Form eines Sonderpostwertzeichens zu gewinnen. Ausgabetag für die Briefmarke war der 3. Juni 2004; es wurden 15 Millionen Exemplare des vom russischen Graphiker Alexander Ursulin gestalteten Postwertzeichens aufgelegt.
1.3. Auch im Bereich der außerschulischen Arbeit ist ein erfreulicher Anstieg der bilateralen Projekte zu verzeichnen. Hier steigen jedoch deutlich die Maßnahmen, in denen Train-the-Trainer-Programme verabredet werden. Besonders hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang der Austausch junger Menschen in der beruflichen Bildung zwischen Hamburg und St. Petersburg.
1.4. Am Rande der deutsch-russischen Regierungskonsultationen im Oktober 2003 in Jekaterinburg fand ein Jugendforum mit Teilnehmern aus beiden Staaten statt. Höhepunkt des Treffens war ein Gespräch der Jugendlichen mit Präsidenten Putin und Bundeskanzler Schröder.
1.5. Auch in diesem Jahr wird zur Vorbereitung des Petersburger Dialoges ein „Deutsch-Russischer Jugendtag“ durchgeführt werden. Um den Jugendlichen teilweise die Teilnahme am Petersburger Dialog zu ermöglichen, wird dieser vom 8. bis 9. September 2004 in Hamburg stattfinden. An der Veranstaltung werden sich neben Schülern und Studenten Jugendliche aus den Bereichen der beruflichen Bildung und der Jugendlichen in besonderen Lebenslagen beteiligen. Die Veranstaltung soll auch dazu beitragen, Unterschiede in Struktur, Form und Selbstverständnis von Jugendhilfe und Jugendberufshilfe abzubauen.
2. Bildung und Wissenschaft
2.1. Wie in den Empfehlungen des Petersburger Dialoges 2003 richtig festgestellt, ist das Potenzial der Entwicklungsmöglichkeiten im Bereich Bildung und Wissenschaft bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Allein im Bereich des Deutschen Akademischen Austauschdienstes stieg der Personenaustausch im Bereich Bildung und Wissenschaft von 2002 auf 2003 um ca. 6 %. Erfreulich ist dabei insbesondere, dass die Zahl der Deutschen, die nach Russland geht gegenüber 2002 um 28,5 % gestiegen ist, obwohl die Zahl derer, die von Russland zu einer weiterqualifizierenden Bildungsmaßnahme nach Deutschland kommen immer noch doppelt so hoch ist. Dennoch: In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der Deutschen, die im Bildungs- und Wissenschaftstransfer im Rahmen des DAAD nach Russland gegangen ist, um 100 % gestiegen. Dieser sehr erfreulichen Entwicklung steht jedoch gegenüber, dass die Zahl der Bewerber in einigen Programmen zehn Mal so hoch ist wie die Zahl der zu vergebenden Stipendien. Das bedeutet, dass die Mittel, die für diesen Bereich eingesetzt werden, deutlich verstärkt werden müssen, um den Bildungsdurst annährend befriedigen zu können.
2.2. Erfreulich ist auch, dass die Zahl der Hochschulpartnerschaften und Kooperationsprojekte, die für eine tiefergehende mittel- bis langfristige Zusammenarbeit stehen, sich deutlich gesteigert hat. Hierin kommt das beiderseitige Interesse zur Vertiefung des Austausches im Bereich Bildung und Wissenschaft zum Ausdruck. Hervorzuheben ist auch die zunehmende Bereitschaft der russischen Seite, sich in diesem Austausch finanziell zu engagieren: Zwischen russischem Bildungsministerium und DAAD wurde im Frühjahr dieses Jahres das „Lomonosow-Programm“ unterzeichnet, das jährlich 150 Nachwuchswissenschaftlern aus den Bereichen der Natur- und Ingenieurwissenschaften einen Aufenthalt in Deutschland ermöglichen wird. Dieses Programm ist genauso von beiden Seiten zu 50 % finanziert, wie das in Vorbereitung befindliche „Wawilow-Programm“ zur Nachwuchsförderung in den Bereichen Verbraucherschutz und Landwirtschaft. In diesen Programmen kommt die von Petersburger Dialog 2003 geforderte Intensivierung der Zusammenarbeit im Bereich der Naturwissenschaften zum Ausdruck.
2.3. Dies gilt gleichermaßen für die weitergehende Diskussion über die Gründung einer deutsch-russischen Naturwissenschaftlichen Fakultät in St. Petersburg, an der sich mehrere deutsche und russische Hochschuleinrichtungen beteiligen.
2.4. Leider konnte die Gründung eines Deutschen Historischen Instituts, die von der Krupp- und der Zeit-Stiftung initiiert wird, nicht in dem gewünschten Tempo vorankommen. Gleiches gilt für den Workshop zur Anerkennung von Zeugnissen, Diplomen und akademischen Graden, der aufgrund der Umstrukturierung im russischen Bildungs- und Wissenschaftsministerium voraussichtlich erst Ende 2004 durchgeführt werden kann.
2.5. Die vom DAAD getragenen Zentren für Soziologie (St. Petersburg / Bielefeld), Rechtswissenschaften (Moskau / Münster) und Wirtschaftswissenschaften (Moskau / Magdeburg) haben inzwischen ihre Arbeit aufgenommen; die ersten Absolventen, die in einer Pilotphase sowohl einen wie russischen Magistergrad in den Bereichen Rechtswissenschaften und Wirtschaftswissenschaften erworben haben, konnten im Juni 2004 ihre Zeugnisse erhalten. Gleiches gilt für die Teilnehmer des Studienganges, der vom Alfred Wegener Institut für Polar- und Meeresforschung und der Universität St. Petersburg getragen wird.
2.6. Der deutsche Botschafter in Moskau, Dr. von Plötz, hat die Empfehlungen des Petersburger Dialoges zur Erweiterung der Zusammenarbeit in dem Bereich der Bildung und Wissenschaften in einer „Deutsch-Russischen Bildungsinitiative“ zusammengefasst und den zuständigen deutschen Stellen vorgelegt. Ziel ist neben der verstärkten Nutzung von Synergieeffekten mehr Visibilität, aber auch die Initiierung neuer Maßnahmen, wie z. B. die Gründung einer virtuellen Universität, im deutsch-russischen Bildungs- und Wissenschaftsbereich. Eine Arbeitsgruppe unter Federführung des Bundesministeriums für Bildung und Wissenschaft wird sich an der Konkretisierung dieser Vorschläge beteiligen.
3. Übergreifendes aus der Arbeitsgruppe
3.1. Der Petersburger Dialog 2003 hatte sich nachhaltig für die Beseitigung formaler Schwierigkeiten im Visabereich und bei der Regelung des Aufenthalts im jeweils anderen Land eingesetzt. Präsident Putin hatte hier unverzügliche Abhilfe in Aussicht gestellt, die in einem im Dezember 2003 zwischen den zuständigen Stellen beider Staaten unterzeichneten Neuregelung der Visabestimmung ihren Niederschlag gefunden hat. Die Arbeitsgruppe ist hierzu den zuständigen Stellen in beiden Staaten zu besonderem Dank verpflichtet.
3.2. Die seit dem Petersburger Dialog 2002 initiierte Einrichtung eines ständigen deutsch-russischen Koordinierungsgremiums für den Bereich des Jugendaustausches, das sowohl die Austauschmaßnahmen für Schüler, Jugendliche in Berufsbildung und besonderen Lebenslagen und Studenten mit dem Ziel der Intensivierung der landeskundlichen und politischen Bildung fördert, wurde durch die tatkräftige Unterstützung aller Beteiligten soweit vorangebracht, dass am 10. September 2004 ein entsprechendes Abkommen über die Errichtung einer „Deutsch-Russischen Stiftung für Jugendfragen“ unterzeichnet werden kann und entsprechende Einrichtungen in beiden Ländern kurzfristig konzipiert und zur Arbeitsfähigkeit gebracht werden können. Gerade dieses Beispiel macht in besonderer Weise deutlich, wie durch beharrliches Nacharbeiten und Zusammenwirken aller Beteiligten ein Projekt vollendet werden kann, das den zivilgesellschaftlichen Dialog für den Bereich der nachwachsenden Generation erweitern und mitgestalten wird. Die Arbeitsgruppe ist hier den beiden Vorsitzenden des Petersburger Dialoges, Peter Boenisch und Michael Gorbatschew, für ihre massive politische Unterstützung zu großem Dank verpflichtet.