Tolstoi Bibliothek in München: Heimat der russischen Seele

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Tolstoi BibliothekDie Tolstoi-Bibliothek zählt zu den ältesten Einrichtungen für russische Kultur in München. Seit bald 60 Jahren bietet sie russische Literatur, aber auch Hilfe und Rat für russischsprachige Migranten. Dabei weiten sich ihre Aufgaben und ihr Nutzerkreis noch immer aus. Tolstoi BibliothekDie Tolstoi-Bibliothek zählt zu den ältesten Einrichtungen für russische Kultur in München. Seit bald 60 Jahren bietet sie russische Literatur, aber auch Hilfe und Rat für russischsprachige Migranten. Dabei weiten sich ihre Aufgaben und ihr Nutzerkreis noch immer aus.

Regal an Regal, Raum für Raum, dicht an dicht stehen rund 45 000 Bücher in russischer Sprache: wohlgeordnet nach klassischer russischer Literatur und Exil-Literatur, Weltliteratur, Memoiren, Romanen, Lyrik, Sach-, Kinder- oder Wörterbüchern. Darunter sind bibliophile Perlen wie handsignierte Erstausgaben Wladimir Nabokows, des Autors von „Lolita“, aber auch die Werke des türkischen Nobelpreisträgers Orhan Pamuk oder die aus dem mittelhochdeutschen ins Russische übersetzten Traktate Meister Eckharts. „Ein ganzes Jahr lang habe ich auf der ganzen Welt das Buch ‚Russland im Konzentrationslager’ von Iwan Solonewitsch gesucht – und jetzt habe ich dieses Buch in Ihrer wunderbaren Bibliothek gefunden“, freute sich der Regisseur Valerij Pitschul im Gästebuch.

Wie er finden hier viele Besucher lang gesuchte Bände; denn die Tolstoi-Bibliothek beherbergt Schätze, die man z. B. in der benachbarten Bayerischen Staatsbibliothek oder in der Sondersammlung russischer Literatur der Berliner Staatsbibliothek, Preußischer Kulturbesitz, vergeblich sucht. Schwerpunkt des Münchner Kleinods ist die russische Emigrationsliteratur. Hier stehen Originalausgaben aus San Francisco, Shanghai, Buenos Aires, Cannes, Nizza – wo immer die Werke russischer Autoren in der Emigration verlegt wurden. Die Produktion des amerikanischen Chechov-Verlages, der im Kalten Krieg die wichtigsten Denker und Schriftsteller verlegt hat, steht komplett in der Münchner Thierschstraße. Genauso finden sich hier aber auch neue Werke wie die Romane von Meir Schalew, die neueste Science-fiction des populären Sergej Lukjanenko oder alle sieben Bände von Harry Potter auf Russisch. In ganz Westeuropa gibt es keine vergleichbare russische Bibliothek. Die Gogol-Bibliothek in Rom ist mittlerweile geschlossen, die Turgenew-Bibliothek in Paris ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.

Den Grundstein für diese einzigartige Sammlung legten Flüchtlinge, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach München kamen. Sie trugen ihre geretteten Buchbestände zusammen, mieteten zwei Kellerräume an und erklärten die Bibliothek 1949 für eröffnet. Bis heute lebt ihr bibliophiler Wert zu einem Gutteil von Migranten und ihren Schenkungen. Bis heute ist sie vor allem für Migranten da, aber auch offen für Deutsche, die an russischer Kultur interessiert sind. Seit der gesamte Bestand via Internet verfügbar ist, leiht die Bibliothek soweit möglich weltweit per Post aus. In der Präsenzausleihe können neben den Büchern die aktuellen Ausgaben von vierzehn russischen Zeitungen und achtzehn Zeitschriften eingesehen werden. Auch die Filmothek wächst ständig um Klassiker wie Neuerscheinungen auf Video und DVD.

Der Wandel der Bibliotheksbesucher spiegelt ein Stück Migrationspolitik wider. Nach dem Zweiten Weltkrieg half die damalige Tolstoy Foundation in Deutschland den rund 75 000 displaced persons russischer Herkunft ihrer Zwangsrepatriierung zu entgehen. Denn das Schicksal dieser Heimgekehrten war bekanntlich furchtbar: Russische Soldaten, die in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten waren, aber auch Russen, die zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert worden waren, wurden in Stalins Sowjetunion als Vaterlandsverräter und Kollaborateure betrachtet und zu Straflager oder Tod verurteilt. Der Tolstoy Foundation gelang es, der großen Mehrzahl von ihnen die Auswanderung nach Amerika oder die Integration in Deutschland zu ermöglichen.

Die Mutterorganisation in Amerika hatte Alexandra Tolstoy gemeinsam mit einer Freundin 1939 ins Leben gerufen. Die jüngste Tochter des berühmten russischen Schriftstellers Leo Tolstoi war selbst unter dem sowjetischen Regime fünfmal verhaftet worden und schließlich über Japan nach Amerika ausgewandert, wo sie zunächst als Farmerin lebte. Gemeinsam mit ihrer Freundin Tatiana Schaufuss fand sie durch die Gründung der Tolstoy Foundation einen Weg, dem Lebensmotto ihres Vaters treu zu bleiben: „Betrachte all Dein Wissen und Deine Fähigkeiten als Mittel, anderen zu helfen.“ Vorrangig unterstützte die Stiftung „Opfer kommunistischer Repression“, aber auch andere Flüchtlinge. Weltweit wurden 14 Büros eingerichtet: in Lateinamerika, dem Mittleren Osten und Europa. Gemeinsam mit ihrer deutschen Tochterorgani-sation, dem Tolstoi Hilfs- und Kulturwerk in München, half die Foundation zwischen 1979 und 1992 rund 7000 Flüchtlingen aus Osteuropa sowie aus Afghanistan, Äthiopien, Iran und Irak über das amerikanische „Weiterwanderungsprogramm“ eine neue Heimat zu finden.

Nach 1970 emigrierten aus der Sowjetunion vor allem Dissidenten und Angehörige der „Intelligenzija“: Schriftsteller, Maler, Musiker, Menschenrechtler. Für sie wurde die Tolstoi-Bibliothek mit ihren 14-tägigen kulturellen Veranstaltungen zum Zentrum der russischen Diaspora, zu „Kopf und Herz der emigrierten Intelligenzija“. Hier spielten z.B. die russische Cellistin Natalia Gutmann und der Pianist Wjatscheslav Nowikow. Zwischen den Büchern sangen etwa Michail Alexandrowitsch und Alexander Dolski. Unter vielen anderen lasen hier z.B. Lew Kopelew, Daniil Granin, Wladimir Makanin und Alexander Sinowjew. Bis heute begegnet man international bekannten russischen Künstlern, darunter Münchner Exil-Autoren wie Wladimir Woinowitsch, Boris Chasanow, Wladimir Kunin, oder Boris Falkow in der Altbauwohnung im Münchner Lehel.
In den letzten zwanzig Jahren kamen vor allem Spätaussiedler und russisch-jüdische Kontingentflüchtlinge nach Deutschland  und damit auch in die Tolstoi-Bibliothek.  Heute kommen außerdem Wissenschaftler,  EDV-Spezialisten und Russinnen, die nach Deutschland geheiratet haben.

Lebten 1988 etwa 3000 Russen in München, waren 2006 rund 13 000 russischsprachige Ausländer gemeldet. Insgesamt kommt jeder dritte Migrant in München aus Osteuropa. Die Besucherzahlen der Bibliothek haben sich seit 1985 verfünffacht. Um dem Besucherstrom gerecht zu werden, erweiterte die Bibliothek trotz ihres knapp bemessenen Personals ihre Öffnungszeiten in den letzten Jahren stetig. Mittlerweile hat sie Donnerstag und Freitag von 13 – 19 Uhr, Dienstag sogar von 13 bis 21 Uhr geöffnet.

Nach der vierten Welle der russisch-sprachigen Migration gründete die Bibliothek, die schon immer Anlaufstelle für Flüchtlinge war, 1992 eine eigene Sozialberatung. Trotz dünner Personaldecke wird hier pro Jahr rund 2500 Menschen geholfen: Durch Gespräche, Übersetzungen von Behördendeutsch, Vermittlung von russischsprachigen Ärzten, Psychologen oder Rechtsanwälten. Wo nötig, werden Klienten zu Behörden begleitet oder Familien zu Hause aufgesucht. Für die Zukunft ist eine Ausweitung des Angebotes auf Schulsozialarbeit geplant.

Das Tolstoi Hilfs- und Kulturwerk reagiert grundsätzlich kurzfristig auf Nachfrage, lässt sich dabei aber keinen Moden unterwerfen. Derzeit werden Deutschkurse angeboten: vor allem für Ältere, meist jüdische Emigranten und für deutschstämmige Zuwanderer, denen die Behörden keine Deutschkurse finanzieren. Zugleich gibt es aber auch Russischkurse für die Kinder russischer Emigranten-Familien, die Gefahr laufen, ihre Muttersprache zu verlernen. Kinder und Jugendliche sollen ihre kulturellen Wurzeln kennen lernen, denn „Nur wer weiß, woher er kommt, weiß, wohin er geht“ – wie ein kroatisches Sprichwort sagt. Begleitend bietet das Tolstoi Hilfs- und Kulturwerk daher Schachkurse für Kinder und Jugendliche an sowie einen Kurs für künstlerische Entwicklung.

Kooperation mit anderen Vereinen, Verbänden und Institutionen prägte die Arbeit von Anfang an. Die Mitarbeiterinnen des Hilfs- und Kulturwerkes sind in wichtigen Fachgremien auf kommunaler Ebene vertreten. Sie werden zu Podiumsdiskussionen geladen und als Berater herangezogen, z.B. von der Uni München für ihre Ausstellung „ZwischenWelten“ zur Migration aus Osteuropa. Für ihre besonderen Verdienste um die Intensivierung der deutsch-russischen Freundschaft und die Bewahrung russischer Kultur erhielt die Leiterin der Tolstoi Bibliothek, Tatjana Erschow, 2006 die Puschkin-Medaille. Auch in Zukunft will die Einrichtung zur deutsch-russischen Völkerverständigung beitragen. Dafür soll z.B. die Zahl der zweisprachigen Angebote unter den vierzehntägigen kulturellen Veranstaltungen ausgeweitet werden sowie die Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen.  

Tatjana Erschow