Wissen Sie, warum wir heute in Bayern und nicht in Österreich leben?
Wissen Sie, dass wir dieses Glück der russischen Zarin Katharina II. zu verdanken haben? Sie war nämlich eine veramte deutsche Prinzessin aus Zerbst, bevor sie den Enkel Peter des Großen heiratete; sie beherrschte nie richtig russisch, trotzdem wurde sie von Russen „Katherina die Große“ genannt. Diesen Namen sollte sie eigentlich auch in Bayern tragen, und zwar deswegen, weil als 1779 der „Friede von Teschen“ geschlossen wurde, trat sie in Verbindung mit Frankreich als Garantiemacht für die Unversehrtheit und Souveränität Bayerns und verhinderte damit, dass Österreich den Großteil von Bayern an sich, ins Österreich-Ungarische Reich reißt.
Zwei Jahrzehnte später trat Russland erneut als Schutzmacht auf, dieses Mal schon im Konflikt mit Frankreich. Am 1. Oktober 1799 unterzeichnete Zar Paul I. und Kurfürst Max Joseph von Bayern einen Bündnisvertrag in Gatschina bei St. Petersburg, worin Russland sich verpflichtete, die Unabhängigkeit des Königreich Bayern gegen Napoleon zu verteidigen.
Aber...
Ein paar Jahre später, verband sich Russland gegen Napoleon mit Österreich, und wieder fürchtete das Bayerische Reich um seine Souveränität. Um der Bedrohung durch Österreich vorzubeugen, willigte König Maximilian die Ehe zwischen Napoleons Thronfolger Eugene und der bayerische Prinzessin Amalie Auguste ein.
Das kostete dem bayerischen König 30.000 Soldaten, die ihren Tod unter der Führung von Napoleon eines kalten Winters in Russland gefunden haben. Die Katastrophe des Russlandsfeldzuges brachte die alliierte Familie wieder zusammen. Die alte Freundschaft mit Russland lebte wieder auf.
Der Napoleons Thronfolger Eugene hatte mit dem politischen Machtwechsel auch seinen Namen gewechselt. Das Haus Wittelsbach honorierte seine Loyalität mit dem Titel „Herzog von Leuchtenberg.“
Und zwei Jahrzehnte später, Maximilian, der jüngste Sohn aus dem Hause Leuchtenberg verheiratete sich 1839 mit der Lieblingstochter des Zaren Nikolaus I., Maria Nikolajewna, und begründete eine weit verzweigte russisch- bayerische Dynastie. Die erste Nachfahrin, die aus dieser Ehe hervorging - Alexandra – erhielt den Titel eines Prinzessin Russlands. Als Residenz für die junge Familie wurde das berühmte Marienpalais am Platz der Isaak-Kathedrale in St. Petersburg gebaut. Alle Kinder des bayerischen Thronerben und der Prinzessin Russlands erhielten das Recht, sowohl den Titel Herzog und Herzogin von Leuchtenberg als auch den eines Fürsten und einer Fürstin Romanow zu tragen. Das galt als Hinweis auf die Verwandschft mit dem kaiserlichen Haus Romanow. Erbsitz der herzoglichen Familie in Bayern war Schloss Seeon, wo sie auch ihre letzte Ruhestätte fanden. Dort kann man bis auf den heutigen Tag die Gräber mit den orthodoxen Kreuzen und den russischen Inschriften besichtigen.
Der zweiköpfige Adler Russlands ist bis heute am Einganstor zum Schloss Stein zu sehen, dem ehemaligen Sitz der Leuchtenbergs, wo sich jetzt ein Eliteinternat befindet.
Prinzessin Olga, die zweite Tochter Nikolai I, wäre übrigens um ein Haar Königin von Bayern geworden. Als der russische Zar sich in München aufhielt – eine Gedenktafel am Gebäude in Wildbad Kreuth, dem jetzigen Sitz der Seidl-Stiftung, bezeugt, dass Nikolai I. mit Gemahlin und Tochter sich hier zur Kur erholten -, wurde auch über eine mögliche Vermählung der Prinzessin Olga mit Kronprinz Max, dem künftigen Maximilian II., verhandelt. Der Bräutigam war aber damals ganze 16 Jahre alt, und so heiratete Olga einen anderen König – Karl von Württemberg.
Auch der bayerische Märchenkönig Ludwig II stand von Jugend an in einem engen Kontakt mit dem russischen Hof, besonders mit seiner Tante, der Zarin Maria Alexandrowna, einer geborenen Prinzessin von Hessen-Darmstadt, die ihn 1868 auf Schloss Berg besuchte. Gemäß der damaligen Gepflogenheiten war der bayerische König Inhaber des 1. russischen Ulanenregimentes, der Zar Inhaber des 1. bayerischen Chevauleger-Regimentes. Als im Mai 1896 in Moskau Nikolaus II gekrönt wird, ist unter den Gästen Prinz Ludwig, der der letzte bayerische König sein wird.
Da heute zu Bayern auch Coburg gehört ist es zu erwähnen, dass die erste dynastische Ehe wurde 1795 zwischen Prinzessin Juliane von Coburg und Großfürst Konstantin geschlossen, der ein Bruder des künftigen Zaren Alexander I. und Enkel der Kaiserin Katherina der Großen war. Fast 200 Jahre später, am 8. April 1894, verlobte sich in dem romantischen Herzogtum Coburg der letzte russische Zar Nikolai II. mit Prinzessin Alix von Hessen, der zukünftigen Zarin Alexandra Fjodorowna, bei deren Krönung in Moskau, Prinz Ludwig von Bayern als Gast war.
Wie Sie sehen, bei der russisch-bayerischen Geschichte sehr viel um die Liebe geht. Und je weiter wir gehen, desto mehr wird es um die Leibe gehen...
Der Dichter FJODOR TJUTSCHEW - Die Münchner Jahre
Der russischer Dichter Fjodor Iwanowitsch Tjutschew, der für den Russen, gleich nach Puschkin kommt, sogar der große Leo Tolstoi mal sagte: ohne Tjutschew könnte ich mein Leben nicht vorstellen – verbrachte über 20 Jahre, von 1822 bis 1844 in Bayern. Er stand im diplomatischen Dienst der Gesandtschaft Russlands am Hof des Königreichs Bayern und später blieb hier als Privatmann. 1928 verfasste er in München das für jeden Russen von Kindheit an bekannte Gedicht „Ich lieb den Sturm im frühen Mai“.
Der 19-jährige Fjodor Tjutschew hatte erst vor kurzem die Moskauer Universität mit Auszeichnung abgeschlossen, als er nach München kam. Der gebildete und geistreiche junge Poet wurde alsbald ein Favorit der Münchner Salons. Er lernte den Philosophen, Friedrich Schelling, kennen und freundete sich mit dem Dichter, Heinrich Heine, an. Durch den bayerischen Diplomaten Maximilian Graf Lerchenfeld trifft er auf dessen Halbschwester, die 14-jährige Schönheit Amalie – uneheliche Tochter des Grafen Lerchenfeld mit Theresa, Herzogin von Thurn und Taxis, einer Tante der Kaiserin Alexandra, Gemahlin des Zaren Nikolai I. So war die schöne Amalie, eine Kusine der russischen Zarin. Tjutschews Liebe zu der hinreisenden Amalie, derer Portrait von J. Stieler man heute noch in der Schönheitsgalerie des Schlosses Nymphenburg in München bewundert kann, verewigte Tjutschew in seinem Gedicht „Ich gedenke noch der goldnen Zeiten“ – „Я помню время золотое…» eine der besten Schöpfungen russischer Liebeslyrik. Amalie, die den jungen Tjutschew nicht heiratete, vermählte sich mit dem einflussreichen Baron Krüdener und später mit dem Gräf Adlerberg und machte am Hofe in Petersburger eine glänzende Kariere. Trotzdem spielte sie in Tjutschews Leben eine schicksalhafte Rolle: Sie war es, die im Jahr 1836 ein paar Dutzend seiner Gedichte nach Petersburg mitnahm, von denen einige unverzüglich von Alexander Puschkin in seinem Literaturjournal unter dem Titel: „Gedichte, zugesandt aus Deutschland“ veröffentlicht wurden.
Viele Jahre später, als der Dichter im Sterben lag, kam sie zu ihm, um Abschied zu nehmen. Dach entstand ein Gedicht, das in Russland zu den schönsten Liebesgedichten zählt. Über 100 Komponisten haben es vertont.
Я встретил Вас и всё былое
В отжившем сердце ожило,
Я вспомнил время золотое
И сердцу стало так тепло…
Ich sah Sie – und mein Herz gedachte
Versunkener Vergangenheit.
Ich sah Sie, und in mir erwachte
Die längst entschwundne goldne Zeit...
... Wie viele Jahre sind vergangen,
Seit wir zum letzten mal uns sah’n!
Ich schau Sie, wie vom Traum umfangen,
Da fängt’s in mir zu klingen an...
Das ist mehr als Erinnerungen:
Das Leben selbst ist neu erwacht,
Neu hat Ihr Zauber mich bezwungen,
Neu spürt mein Herz der Liebe Macht.
1826, mit 23 Jahren, heiratet Tjutschew in München die Witwe Eleonore Petersen, geborene Gräfin von Bothmer, die aus einer Familie einflussreicher Aristokraten stammte. Eleonore war für Tjutschew eine gute Ehefrau und schenkte ihm drei Töchter, doch die komplizierte innere Welt des Dichters blieb ihr verschlossen. Nach einem Selbstmordversuch, erschöpft nach einer erlebten Schiffskatastrophe, starb sie mit 38 Jahren.
Nach ihrem Tod verheiratet sich Fjodor Tjutschew noch im selben Jahr mit Ernestine, Freifrau von Pfeffel, die aus einer bayerisch-französischen Familie stammte. Ernestine war eine lebhafte und poetisch veranlagte Frau, die das große Talent ihres Ehemannes zu würdigen wusste. Sie erlernte die russische Sprache, um Gedichte ihres Mannes im Original lesen zu können. Nach seinem Tode widmete sie den Rest ihres Lebens der Vorbereitung der vollständigsten Sammlung von Tjutschews Werken. Ihr alleine hat die russische Kultur - zu verdanken, dass es der große Dichter Fjodor Tjutschew gibt. Weil der Poet selbst hatte nie seine Werke aufbewahrt oder veröffentlicht.
Kurz vor seinem Tode widmete Tjutschew ihr seinen berühmten Vierzeiler
„Der Richter, Gott, nahm alles mir:
Gesundheit, Willen, Schlaf und Atemzug.
Er ließ mir dich allein. Dafür
Ihm Dank zu sagen - Grund genug.
Aber es gibt noch ein Vierzeiler, den ich Ihnen heute unbedingt sagen möchte.
Mit dem Verstand ist Russland nicht zu fassen,
Gewöhnlich Maß misst es nicht aus:
Man muss ihm sein Besonders lassen –
Das heißt, dass man an Russland glaubt.
Vor 150 Jahren wurde es von Tjutschew gesagt und es stimmt heute noch.
Das „russische Bayern“ im 20. Jahrhundert
Ende des 19. Jahrhunderts galt München mit seinen hervorragenden Galerien, Museen, der Oper und dem ereignisreichen kulturellen Leben als das zweite europäische Kulturzentrum nach Paris. Die offene und demokratische Atmosphäre der Stadt zog Künstler, Wissenschaftler und Intellektuelle aus aller Welt in die bayerische Metropole.
Der Maler Leonid Pasternak (Vater von Boris Pasternak – Autor von „DoktorSchiwago), der schon 1883 an der Königlichen Münchner Kunstakademie studierte, antwortete einem Schüler auf die Frage, wohin man zum Studium gehen solle, nach Paris oder München: „Paris ist ein brodelnder Kessel, München ist eine friedliche, ruhige deutsche Stadt, für manche vielleicht auch langweilig, aber zum Studium kann sie viel geben.“
Die russischen Kunststudenten, darunter auch Marianne Werefkin, Alexey Jawlensky und später Wassilij Kandinskij, kamen um die Jahrhundertswende nach in München, um in der weit über München hinaus bekannte Malschule des Slowenen Anton Azbé zu studieren. Die Azbé-Schule war ein „Dorado für die russischen Künstler“, die eine Künstlerkolonie gründeten, deren Zentrum der Salon von Marianne Werefkina, „Baronin“ genannt, in der Giselastraße des Künsterviertels Schwabing war.
Wassily Kandinsky, Gabriele Münter und einige andere deutsche Maler erweiterten den Künstlerkreis, aus dem 1909 die „Neue Künstlervereinigung München“ hervorging. Ein Almanach, „Der blaue Reiter“, wurde als Forum für die neue expressionistische Kunstrichtung herausgegeben. 1911 schloss sich Franz Marc dem Kreis an. Als es noch im selben Jahr in der Neuen Münchner Künstlervereinigung zum Bruch kam, organisierten die meisten der Gründungsmitglieder ihre eigenen Ausstellungen unter dem Titel „Blauer Reiter“. Als Domizil wählten sie ein allein stehendes, erst 1908 errichtetes Haus an einem Hang mit Blick über den oberbayerischen Ort Murnau, das bis heute als „Russenhaus“ bekannt ist.
Die 1861 in Sankt Petersburg geborene Lou Andreas-Salome gehört zu den ungewöhnlichsten Frauen, die die Geschichte kennt. Ihr weiblicher Genius zog außergewöhnliche Männer wie Nietzsche und Siegmund Freud an. Im Mai 1897, mit 37 Jahre, trifft sie in München auf den jungen Rainer Maria Rilke, der damals 22 Jahre alt war und noch Rene hieß. Sie gab ihm den neuen Namen – Rainer und schenkte ihm eine neue geistige Heimat – Russland. Sie verbrachten einen gemeinsamen Sommer in Wolfratshausen. Unter Lou`s Einfluss findet Rilke zu der seelischen Klarheit, die sich später in seinen Neuen Gedichten äußert.
Der Revolutonär Wladimir Uljanow benutzte vor seiner Übernahme der russischen Regierung im Herbst 1917 an die hundert Decknamen. Sein Pseudonym „Lenin“ hat er sich erstmals in München zugelegt, wo er von 1900 bis 1902 als „Herr Meyer aus Sibirien“ unter verschiedenen Adressen lebte. In einer Münchner Druckerei erschienen auch die meisten der 51 Ausgaben der berühmten revolutionären Zeitung „Iskra“, die unter Lenin`s Redaktion entstanden sind.
Als Sergej Prokofiew`s große Hoffnungen auf eine Karriere als Komponist in Amerika zunächst enttäuscht wurden, sehnte er sich nach einem ruhigen Ort, wo er in Frieden arbeiten könnte. Er fand ihn in Ettal am Hang der bayerischen Alpen, in der Nähe vom Kloster, in einer zweistöckigen Villa mit schönem Blick auf grüne Wiesen und das Gebirge. Dort verbringt Prokofiew vom März 1922 bis Oktober 1923 eine glückliche Zeit mit der jungen spanischen Sängerin Lina Codina Lubera, die er dort auch heiratete. Diese Zeit wird Prokofiew zu der lebens- und schaffensfreudigsten seines ganzen Lebens zählen.
Alexander Schmorell, 1917 in Orenburg am Ural geboren, kam mit seiner Familie während des russischen Bürgerkrieges 1921 nach München. Er war eines der Gründungsmitglieder der studentischen Widerstandsbewegung der „Weißen Rose“ im nationalsozialistischen Deutschland. Im Februar 1943 wurden er, die Geschwister Hans und Sophie Scholl, Willi Graf und Christoph Probst von der Gestapo verhaftet und zum Tode verurteilt. Am 13. 7. 1943 wurde das Urteil an Alexander Schmorell vollstreckt. Ein halbes Jahrhundert danach steht bei der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland die Heiligspechung Alexander Schmorells als Märtyrer bevor.
Auch in Zeiten des sogenannten „Eisernen Vorhangs“ war das Russische in München und Bayern lebendig. Mit der ersten Emigrationswelle nach den Revolutionsjahren fanden viele Russen in Deutschland eine zweite Heimat, darunter auch der Schriftsteller und Professor der Russischen Geistesgeschichte, Fedor Stepun , (geb. 1880 in Moskau, gest. 1965 in München), der 1922 nach Deutschland kam. Von 1945 bis zu seinem Tode war F. Stepun Professor der russischen Geistesgeschichte an der Ludwig-Maximilians Universität München. Er unterrichtete Philosophie, Soziologie, Literatur-, Theater- und Filmgeschichte.
1949 gründete eine Gruppe von Flüchtlingen aus dem russischen Sprachgebiet eine bescheidene russische Bibliothek, die 1963 von dem Tolstoi Hilfs- und Kulturwerk e.V. übernommen wurde. Heute besitzt die Tolstoi-Bibliothek über 40.000 Bände in russischer Sprache und ist eine der größten russischen Bibliotheken in Westeuropa.
Die Rundfunkstation „ Radio Liberty“, die aus dem „Englischen Garten“ in München seit 1953 über 40 Jahre in die Sowjetunion in 20 Sprachen sendete, war für viele Menschen in Russland der Inbegriff der Welt, die hinter dem „Eisernen Vorhang“ existierte.
Die Anziehungskraft des traditionellen „Mütterchen Russlands“ und der „geheimnisvollen russischen Seele“ konnte man in Bayern auch in der Zeit des „Eisernen Vorhangs“ spüren. Dafür sprechen die zahlreichen, meistens von Exilrussen geführten russischen Restaurants wie „Datscha“, „Isbuschka“, „Kalinka“ oder die verschiedenen Chöre mit dem berühmten Namen „Donkosaken“, die stets bei ausverkauften Sälen, besonders zu Weihnachtszeit russische geistliche Lieder und die Folklore dem bayerischen Volk nahe brachten.
Eine enorme, über Jahrzehnte dauernde Popularität genossen solche „illustren“ Personen wie die angebliche Zaren-Tochter Anastasia, oder „Väterchen Timofej“, der heute noch in München im Olympia-Zentrum haust.
Anastasia, die Anfang der zwanziger Jahre aus einem Kanal in Berlin gezogen worden war, beschäftigte die Öffentlichkeit bis zu ihrem Tode 1984. Man bezeichnete sie als „eines der berühmtesten Geheimnissen des zwanzigsten Jahrhunderts“. Sie bestand darauf, die Großfürstin Anastasia, die Tochter des letzten russischen Zaren zu sein, obwohl man annahm, daß sie eine polnische Landarbeiterin Franziska Schnazkowska gewesen ist. Sogar ihr Tod entzweite die Öffentlichkeit: nach ihrem „letzten Willen“ sollte sie auf dem Friedhof der Herzöge Leuchtenberg, orthodoxen Verwandten der Romanows, beim Kloster Seon am Cheimsee, beerdigt werden. Die russische Emigration war kategorisch dagegen, aber die Wittelsbacher, denen das Grundstück gehört, wollten den „letzten Willen“ einer Verschiedenen erfüllen und ließen ihre Urne dort begraben. Nach dem durch Genteste einwandfrei bewiesen worden ist, dass diese Frau nichts mit Romanows zu tun hat, erschien hinter „Anastasia“ auch der Name „Manahan“ - ihres amerikanischen Ehemannes. Keinem kaiserlichen Hochstapler war solcher Ruhm vergönnt wie dieser Frau: sie hat die Filmemacher zu zwei Filmen (mit Ingrid Bergman und Lili Palmer in der Titelrolle) inspiriert und auch zahlreiche Bücher über sie sind erschienen. Wer sie wirklich gewesen ist, wird sich gewiss nie mehr klären lassen.
Wenn man über die „russischen Spuren in München und Bayern“ berichtet, darf man nicht den prominenten Donkosaken Timofei Prochorow mit seiner von ihm erbauten „Kirche für den Frieden in West und Ost“ vergessen, der als „Väterchen Timofei“ bereits zu Lebzeiten eine russische-bayerische Legende ist. Vor einer Woche erst, gratulierte ihm der Münchner Oberbürgermeister zu seinem 108. Geburtstag.
So wie um die vorige Jahrhundertwende der Fall gewesen ist, ist Bayern auch heute für viele russische Intellektuelle und Künstler zur zweiten Heimat geworden. Solche hervorragende Vertreter der zeitgenössischen russischen Kultur wie der Schriftsteller Waladimir Woinowitsch und die Künstler wie Maja Plisezkaja und Rodion Shedrin, fühlen sich in München seit Jahren zu Hause.
Die „Wahlverwandschaft“ zwischen dem russischen und dem deutschen Volke
nimmt am Vorabend des dritten Jahrtausends an Intensität wieder zu.
von Tatjana Lukina anlässlich der Bayerischen Tage in Moskau, 2001