Sergej Alexaschenko, ehemaliger stellvertretender Finanzminister der Russischen Föderation und von 1995 bis 1998 Erster Vizepräsident der russischen Zentralbank sowie bis 2008 Leiter von Merrill Lynch in Moskau, präsentierte seinen Ausblick auf die Lage in Russland, während Jan Krämer, Leiter des Bereichs Investmentstrategie Private Banking bei der Commerzbank, auf die Situation in Deutschland einging.
In seiner Präsentation lenkte Sergej Alexaschenko sogleich das Augenmerk auf die spezifische Situation in Russland, dessen stetes Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre das Land gegen drohende Wirtschaftskrisen gewappnet habe. Weltweit seien die drittgrößten Devisenreserven angehäuft worden, dazu kämen Budgetüberschüsse und ein scheinbar unaufhaltsam wachsender Aktienmarkt. Dabei habe man den Risikofaktoren der russischen Ökonomie zu wenig Beachtung geschenkt: Sein Wirtschaftswachstum habe Russland in erster Linie dem Rohstoffexport zu verdanken. Darüber hinaus seien nur bestimmte, nicht in weltweiter Konkurrenz stehende Sektoren der russischen Wirtschaft gewachsen, wie Bau und Einzelhandel. Die hohe Inflation würde, so habe man gedacht, durch das Wachstum kompensiert werden können. Hinzu käme eine Auslandsverschuldung russischer Banken und Unternehmen, die sich in den letzten drei Jahren verfünffacht habe. Nun, da weltweit eine Kreditklemme stattfinde, werde gerade sie dazu beitragen, dass die Auswirkungen der Finanzmarktkrise in Russland stärker durchschlagen, als etwa in den europäischen Volkswirtschaften. Wenig optimistisch äußerte sich Alexaschenko im Hinblick auf eine baldige Verbesserung der Lage und verlieh seinen Befürchtungen Ausdruck. Es bestünde die Gefahr, so Alexaschenko, dass, sollte die Situation unverändert bleiben, die Devisenreserven der russischen Zentralbank bis 2010 aufgebraucht würden. Eine mögliche Folge wäre eine gleitende Abwertung des Rubels. Erst mit einer globalen Konjunkturbelebung und somit auch einer Steigerung der weltweiten Rohstoffnachfrage könne man mit einer Erholung auch der russischen Wirtschaft rechnen.
Es bleibe abzuwarten, wie wirkungsvoll die von der russischen Regierung ergriffenen Maßnahmen zur Krisenbewältigung greifen würden. Dies sei nicht zuletzt wegen der häufig mangelnden Transparenz bei der Mittelvergabe eine große Herausforderung.
Befragt zum Maßnahmenpaket der Bundesregierung äußerte Alexaschenko zwei Aspekte. Der relativ geringe Umfang sei sicher auch im Hinblick eher auf die herannahende Bundestagswahl 2009 zu verstehen. Klar sei aber auch, dass es sinnvoll sei, nicht hektisch gewaltige Geldpakete zu schnüren, ehe man nicht einen seriösen Einblick in die tatsächliche Notwendigkeiten besitzen. Dies sei frühestens im ersten Quartal 2009 zu erwarten.
Jan Krämer bewertete das Maßnahmenpaket der Bundesregierung positiv. In seinen Ausführungen arbeitete er die Fundamentaldaten der Finanzkrise heraus und kommentierte vor diesem Hintergrund die weiter zu erwarteten Entwicklungen. Das Paket packe den Kern der Bankenkrise an, indem es durch Garantien die Vertrauensbasis schaffe, die das System selbst nicht mehr generieren könne. Dadurch sei eine positive Konjunkturentwicklung in Deutschland bereits ab dem dritten Quartal 2009 denkbar, so Krämer. Dessen ungeachtet sei aufgrund der aufgezeigten Strukturprobleme des Bankenwesens damit zu rechnen, dass das Potenzialwachstum auf Jahre hinaus unterschritten werde. Eine Entspannung in der aktuellen Finanzkrise sei nicht automatisch mit der Stabilisierung der internationalen Kapitalmärkte gleichzusetzen. Hier müsse es zu einer international abgestimmten Neuorientierung kommen.
In der abschließenden Diskussion erhielten die Referenten die Gelegenheit, ihre Darlegungen in der Diskussion mit dem Publikum zu vertiefen. Dabei trat verstärkt zu Tage, dass die Krise auf recht unterschiedliche Ausgangslagen in Deutschland und Russland trifft und an die jeweilige Problemlage angepasste Lösungsansätze erfordern wird. Eine möglichst schnelle Wiederbelebung der Finanzmärkte stellt sich insbesondere für die wirtschaftlichen Beziehungen beider Länder von herausragender Bedeutung dar.